Der Orgasmus ist eines der am meisten besprochenen und gleichzeitig am wenigsten verstandenen Themen rund um Sexualität. Vielleicht kennst du das Gefühl, dass er ausbleibt, obwohl du es dir sehr wünschst, ob bei der Selbstbefriedigung oder beim Sex mit einer anderen Person. Oder du fragst dich, ob du ihn «richtig» erlebst. Vielleicht vergleichst du dich mit anderen und fragst dich, ob bei dir etwas nicht stimmt. Vorab: Ein Orgasmus ist sehr individuell. Es gibt nicht die eine Art, ihn zu erleben.
Was passiert beim Orgasmus im Körper?
Ein Orgasmus ist ein Moment, in dem Spannung und Entspannung sich treffen. Die Erregung steigt, der Körper spannt sich an, die Atmung wird schneller. An dem Punkt, wo die Anspannung ihren Höhepunkt erreicht, löst sie sich schlagartig. Was dabei gefühlt wird, ist von Mensch zu Mensch verschieden: Wellen, Zuckungen, Wärme, ein Gefühl von Loslassen. Auch bei derselben Person kann es sich jedes Mal anders anfühlen, weil deine Geschlechtsorgane mit verschiedenen Nervenpaaren verbunden sind. Je nachdem, welche Bereiche stimuliert werden und wie, entstehen unterschiedliche Empfindungsqualitäten. Es gibt also nicht den einen Orgasmus, sondern viele mögliche Varianten davon.
Dabei spielt das Gehirn eine zentrale Rolle: Es verstärkt die Erregung, erzeugt ein rauschartiges Gefühl und schüttet Botenstoffe wie Dopamin und Oxytocin aus, deren Zusammenspiel schliesslich die Kontraktionen in der Beckenbodenmuskulatur und der gesamten Beckenregion auslöst. Orgasmische Empfindungen können übrigens auch durch Stimulation anderer Körperstellen entstehen, nicht nur genital. Auch das zeigt: Der Körper kennt viele Wege, Lust und Genuss zu erleben.
Der Orgasmus ist ein Reflex, ebenso wie die Erregung. Alles, was zwischen Erregungs- und Orgasmusreflex geschieht, ist im Sinne des Modells Sexocorporel gelernt und damit von dir veränderbar.
Warum klappt es manchmal nicht?
Hier kommt etwas ins Spiel, das oft unterschätzt wird: unsere Gedanken. Wenn wir uns unter Druck setzen mit Gedanken wie: «Ich muss jetzt zum Orgasmus kommen, mache ich das richtig? Was denkt mein Gegenüber?», dann ist ein bestimmter Bereich im Gehirn zu stark beschäftigt: der Teil, der bewertet, kontrolliert und analysiert. Genau das kann verhindern, dass sich der Orgasmusreflex auslösen kann. Denn ein Orgasmus braucht vor allem das Gegenteil davon: ein Sich-Einlassen auf das, was gerade passiert.
Es ist also nicht Technik allein, die entscheidet. Selbstzweifel, Leistungsgedanken, das Gefühl, performen zu müssen, all das kann blockieren. Der Orgasmus ist mehr Zulassen als Machen. Das ist aber leichter gesagt als getan.
Orgasmus ist nicht gleich Orgasmus
Ein körperlicher Orgasmus ist nicht automatisch ein genussvolles Erlebnis. In der Fachsprache sprechen wir dann von einer Entladung, einer rein körperlichen Reflexreaktion, die nicht an ein genussvolles Erleben gekoppelt ist. Manchmal suchen Menschen danach vor allem die Entspannung, die folgt.
Was den Unterschied macht, ist weniger der Orgasmus selbst, sondern wie du dorthin kommst. Was du wahrnimmst, wie präsent du bist, wie du dich auf Empfindungen einlässt, beeinflusst, wie du ihn erlebst. Der Orgasmus ist der Reflex am Ende. Aber was davor passiert, ist das, was du wirklich gestalten kannst. Und du kannst lernen, deinen eigenen Weg dahin besser zu verstehen und zu beeinflussen.
Wie ich dich in der Sexualtherapie damit begleite
In der Sexualtherapie schauen wir uns an, was deiner Erregung und deinem Erleben im Weg steht. Welche Gedanken tauchen auf? Wo und wann verlierst du den Kontakt zu dir oder zu deinem Gegenüber? Was braucht es, damit du dich wirklich einlassen kannst? Wir arbeiten nicht mit Leistungszielen, sondern mit der Wahrnehmung. Nicht mit dem Ziel, einen Orgasmus zu «erzeugen», sondern damit du lernst, was du als genussvoll empfindest, was dich blockiert, und wie du dein sexuelles Erleben so gestalten kannst, wie du es möchtest.
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