Lust ist ein vielschichtiges und komplexes Thema. Vielleicht hast du dich schon gefragt, warum du manchmal Lust auf Sex hast und manchmal nicht. Oder warum sich Lust für dich anders anfühlt als für andere. Vielleicht hast du auch das Gefühl, deine Lust verloren zu haben, ohne genau zu wissen, wann oder warum.
Eine wichtige Klärung vorweg: Lust ist nicht etwas, das einfach da ist oder eben nicht. Sie entsteht aus deinen Gedanken, Erfahrungen und Erinnerungen. Sie ist geprägt von deinem Erleben und du kannst lernen, sie zu verstehen und zu formen.
Lust ist nicht das Gleiche wie Erregung
Sexuelle Erregung ist eine körperliche Reaktion. Sie wird reflexartig ausgelöst, beeinflusst durch verschiedene Reize: z.B. durch einen Anblick, eine Berührung, einen Gedanken. Dein Körper reagiert, oft bevor du es bewusst wahrnimmst.
Lust ist etwas anderes. Lust ist der Genuss an dem, was während einer sexuellen Begegnung passiert. Und sie ist auch die Vorfreude darauf. Diese Vorfreude entsteht aus dem, was du bisher mit Sexualität erlebt und als positiv abgespeichert hast. Zum Beispiel aus Erinnerungen an angenehme Momente oder aus Bildern und Fantasien in deinem Kopf. Lust entsteht nie einfach spontan. Sie braucht immer einen Reiz, einen inneren oder einen äusseren, und ist abhängig vom Kontext, in dem du dich befindest.
Asexualität, Lust und Unlust
Unlust ist nicht das Gegenteil von Lust. Oftmals steckt hinter der Unlust eine tiefergreifende Funktion. Wenn du Unlust spürst oder körperliche Symptome wie Schmerzen, Anspannung oder Druck, lohnt es sich, hinzuhören. Was möchte sich da zeigen?
Manche Menschen, die zu mir kommen, fragen sich deshalb, ob sie vielleicht asexuell sind, besonders wenn sie wenig oder keine Lust auf Sexualität verspüren, ob als Frau, Mann oder non-binäre Person. Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, bei der in der Regel kein oder nur wenig Bedürfnis nach sexueller Interaktion besteht, ohne Leidensdruck. Entsprechend braucht es da auch keine Veränderung.
Unlust ist etwas anderes. Sie schwankt, ist manchmal da und manchmal nicht, und ist oft mit Leidensdruck verbunden. Genau das ist das eigentliche Thema der Sexualtherapie: zu verstehen, was hinter der Unlust steckt. Oftmals sind es andere Gründe, die dahinterstecken: zum Beispiel psychische Belastungen, Beziehungsdynamiken, körperliche Ursachen oder prägende Erfahrungen. Die Frage selbst zeigt oft, wie gross die Verunsicherung und das Bedürfnis nach einer Antwort sein können.
Warum ich lieber von Genuss spreche
Das Wort Lust ist aufgeladen. Es ist mit Erwartungen verknüpft, mit Bildern davon, wie sie aussehen oder sich anfühlen müsste. Wer keine Lust empfindet, hat schnell das Gefühl, etwas falsch zu machen. Deshalb verwende ich lieber das Wort Genuss. Genuss ist neutraler. Er stellt nicht die Frage, ob du genug fühlst, sondern was du wahrnimmst. Was sich gut anfühlt.
Wenn der Druck weg ist, etwas Bestimmtes empfinden zu müssen, kann sich oft erst zeigen, was wirklich da ist. Erst wenn du ja sagen kannst und genauso auch nein, entsteht der Raum, in dem Genuss und Hingabe wachsen können.
Wie ich dich in der Sexualtherapie damit begleite
In der Sexualtherapie schauen wir uns an, was dein Genuss beeinflusst. Wie hast du Sexualität bisher erlebt? Was fühlt sich gut an, was nicht? Was sagen dir körperliche Symptome, wenn du genauer hinhörst? Wir arbeiten mit der Wahrnehmung deines Körpers im Hier und Jetzt. Wir wollen dein Erleben in sexuellen Begegnungen verstehen und gemeinsam anschauen, was du darin verändern oder erweitern möchtest und was es dafür braucht.
Vielleicht hast du das Gefühl, dass du deine Lust verloren hast. Vielleicht fühlst du dich blockiert oder unter Druck und weisst nicht, wieso du keine Lust auf Sex hast. Oder du möchtest besser verstehen, wie du deine Sexualität beeinflussen und erweitern kannst. All das sind gute Gründe, sich Zeit für dieses Thema zu nehmen und deine Herausforderungen und Fragen mit dem Ansatz Sexocorporel anzugehen.
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